Festrahmen-Handbike

Trike / Dreirad

Als Festrahmen-Handbike bezeichnet man Rollstuhlsport-Geräte welche von Grund auf zum Zweck des Handbiken konstruiert wurden. Sie sind nicht mehr nur Zusatz zu einem Rollstuhl.

Diese Konstruktionsart lässt viel mehr Freiheit bei der Positionierung des Fahrers, die Bindung an den Rollstuhl entfällt. Während bei den normalerweise nicht behinderten HPV Sportlern, die Effizienz jedes Sportgerätes an erster Stelle steht und der Reiz an neuen Antriebsarten überwiegt, verlangt der Behindertensportlern nach Ideen wie er aus seinem körperlichen Ressourcen das optimalste herausholen kann.

Beim Handbike ergänzen sich diese beiden Ansichten auf glückliche Weise.

Rahmen Geometrien

Frühe Festrahmen Handbikes wiesen eine grosse Palette von Formen und Ideen auf. Die Konstrukteure verfolgten unterschiedliche Ziele.

Die amerikanischen Rollstuhlhersteller, allen voran TopEnd und Shadow/Quickie orientierten sich am Gedanken des Vorspannhandbikes mit Rollstuhl. Sie beliessen die Sitzposition des Rollstuhles und konstruierten sinngemäss einen Rollstuhl mit Vorspann-Handbike als eine Einheit.

Andere, wie Freedom Ryder und Varna sahen von Beginn an das Potential als Sportgerät, sie liessen schon bei den ersten Entwürfen ihren Gedanken in Richtung optimierter Sitzpositionen und Aerodynamik freien Lauf.

TopEnd Excelerator Handbike
Quelle: www.topendwheelchair.com
Shadow/Quickie Mach2
Quelle: Jim Martinson Privatarchiv
Varna2
Quelle: www.handbiken.nl
FreedomRyder LC1
Quelle: www.freedomryder.com

In welche Richtung sich das Handbike entwickeln würde stand noch völlig in den Sternen. Jeder Pionier und Erfinder legte sich sein eigenes Szenario zurecht und so entstanden faszinierende Lösungen.

Die Liegeradszene unterscheidet bei der Anordnung der Räder zwischen Recumbent-Tadpole-Trike (Tadpole engl.: Kaulquappe) und Recumbent Deltatrike. Wir Handbiker benutzen diese Begriffe weniger.
Der Begriff Recumbent erklärt, dass es sich um ein Liegefahrrad handelt. Trike steht für Dreirad. Allgemein denkt der Liegeradfahrer bei Trike an ein Tadpole Dreirad mit hinten einem Rad und vorne zwei gelenkten Rädern.

Delta-Trike kehrt diese Anordnung um und verfügt über ein gelenktes Rad vorne und zwei Räder hinten.

Die HPV „Human Powered Vehicles“ Szene lebt von kreativen und erfinderischen Menschen, so kann man sich leicht vorstellen, dass schon jede mögliche Form dieser Trikes ausprobiert wurde. Es gibt sowohl Tadpole-, wie auch Delta-Trikes mit:

  • Hinterradantrieb nur ein Rad angetrieben oder gleich beide.
  • Vorderradantrieb
  • Allradantrieb
  • Jeder erdenklichen E-Unterstützungsvarianten
  • Starrrahmen
  • Hinterradfederung
  • Vorderradfederung
  • Vollfederung

Der Niederländische HPV Entwickler Bram Moens baute sein M5 Ligfietsen Handbike früh auf einem Liegerad-Tadpole Trike-Rahmen auf. Diese Variante wird, heute mit der Idee des geländegängigen Handbikes wieder interessant, mehr zu diesem Thema im Kapitel CrossCountry- und MTB-Handbikes.

M5 Ligfietsen Handbike, 1993
Quelle: www.m5-ligfietsen.com/
Hans Olpp Bike
Quelle: Hans Olpp Privatarchiv

Tadpoletrike vs Deltatrike

Für hohe Geschwindigkeiten eignen sich Deltatrikes

Tadpole-Trikes sind wendiger und kippstabiler.

Varna One, Handcycle
Quelle: www.varnahandcycles.com
FreedomRyder LC1, Steve front
Quelle: www.freedomryder.com

Nur schon am Beispiel der Lenkung lässt sich erahnen wie spannend die Entwicklung bei den Handbikes ablief.
Während die Rollstuhlhersteller analog des Vorspann-Handbikes über einen Lenkkopf die komplette Vorderradgabel mitsamt Antrieb lenken liessen und das in der Regel heute noch tun, versuchten es die Konstrukteure aus der HPV (Liegerad-Szene) mit „Body Lean Steering“. Das Handbike wird, durch das in die Kurve liegen des Körpers gelenkt. Varna mit einem kippbaren Antriebsrad und daran fix montiertem Hinterrahmen und zwei Vorderrädern an einer Achse (Tadpole-Trike Anordnung).
Freedom Ryder mit einem angetriebenen Vorderrad und daran montiertem Sitz auf einem starren Hinterbau mit zwei Rädern (Delta-Trike Anordnung).

Zweirad

Besonders mutig sind zweirädrige Handbike Konstruktionen. Bram Moens und Georgi Georgiev experimentieren seit den frühen 90er Jahren an handangetriebenen Zweirädern. Befeuert wurden diese Gedanken vom Holländer Kees Van Breukelen, welcher immer das Potential dieser futuristischen Sportgeräte unterstrich und selber mit einen 2-rädrigen Handbike einen Stundenweltrekord sein eigen zählt. Leider können Sportler mit Querschnittsymtomatik kaum von den Vorteilen des Zweirad-Handbikes profitieren, denn durch die fehlende Sensibilität und Muskelaktivität erkennen sie Schräglagen nur mit zeitlicher Verzögerung und können sie nicht fein genug korrigieren. Bei schneller Fahrt können Zweirad-Handbike, wie die Body Lean Steering Modelle stabil kontrolliert werden, fällt die Geschwindigkeit unter eine kritische Schwelle wird es sehr unsicher und gefährlich.

Der Transfer vom Rollstuhl auf ein trotz Stützen sehr wackliges Gerät stellt eine weitere Hürde dar.
Nichts desto trotz fahren ein paar, meist einseitig Beinamputierte oder Fussgänger mit diesen Zweirädern durch die Gegend.

Unterschiedliche Interessen, Win / Win

Die differenzierten Herangehensweisen ans Thema Handbike, lenkten schnell die Aufmerksamkeit unterschiedlicher Interessensgruppen auf dieses Sportgerät.

Behinderte Menschen die sich schwertaten, in bzw. aus der tiefen Sitzposition zu gelangen, wählten die amerikanischen Modelle mit ihren hohen Sitzpositionen, während sich sportlich ambitionierte Menschen aus der Rollstuhlsport-Szene sofort für die flachen 3-rädrigen Flundern begeisterten. Die körperliche nicht eingeschränkten HPV-Begeisterten bekamen ein neues Sportgerät, Armantrieb mit wahlweise 2 oder 3 Rädern. Gratis dazu noch eine Plattform mit viel Potential für kreative Entwicklungen.